Zum Inhalt springen

Teil 7: Klasse und Linke

  • von

Teil 6

Jede Strategie der gesellschaftlichen Veränderung braucht eine Selbstverortung. Eine Analyse der heutigen Klassenstruktur dient dieser Selbstverortung. Die antikapitalistische Linke ist aufs Engste an das Selbstbewusstsein und die Aktivität der Arbeiter:innenklasse gebunden.

Die Arbeiter:innenklasse stellt in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften eine Mehrheit der Bevölkerung dar und ist zugleich eine ausgebeutete und unterdrückte Klasse. Sie muss für einen Lohn oder Gehalt arbeiten, der nur ein Teil des von ihr geschaffenen Reichtums darstellt. Ihre Arbeit bereichert nicht nur die Kapitaleigentümer:innen, sondern hält eine ganze Produktions- und Gesellschaftsstruktur am Laufen, in der vermeintlich gescheitere Menschen entscheiden, wann, wie und wieviel gearbeitet wird, was man dafür gezahlt bekommt, was die Dinge kosten, wenn sie dann am Markt erscheinen und überhaupt wie man über die Angelegenheiten des Zusammenlebens denken soll.

Die Entfremdung vom produktiven Kern der Gesellschaft ist eine alltägliche Ohnmachterfahrung. Sie zieht passive Aufnahme herrschender Ideen und Fatalismus nach sich: man könne nichts ändern (sondern höchstens „die Politik“), die Armen seien selbst an ihrer Armut schuld, usw. Ausbeutung und Unterdrückung führen andererseits immer wieder zu Widerstand und Auflehnung, bis hin zur Revolutionen. Beide Tendenzen kommen gleichzeitig, in unterschiedlichen Teilen der Klasse und oft auch innerhalb derselben Person vor: Es gibt immer ein Spannungsverhältnis zwischen dem Interesse das System zu bekämpfen und einem gewissen Grad der Akzeptanz dieses Systems. Dies macht das widersprüchliche Bewusstsein der meisten Arbeiter:innen und Angestellten in seinen unzähligen Ausprägungen aus: zB antirassistisch und zugleich konservativ, oder klassenkämpferisch aber gegen Zuwanderung, usw. Während der Anpassungsdruck der herrschenden Gesellschaft (Schule, Medien, Vorgesetzte, bürgerliche Parteien, usw.) in die eine Richtung wirkt, ist es revolutionäre Politik, die in die andere Richtung drücken muss: hin zu höherem Bewusstsein und Kampfkraft unter Arbeiter:innen. Revolutionäre Politik ist im Wesentlichen genau das: die Organisationsformen, die Ideen, die Losungen finden, die dem Konservativismus und der Passivität in der Abeiter:innenklasse entgegenwirken und sie dazu ermutigen, sich zu wehren. Genau dafür braucht es eine kollektiv denkende und handelnde sozialistische Organisation.

Zentraler Faktor sind die unterschiedlichen Tempi des Drucks und Gegendrucks innerhalb der Arbeiter:innenklasse (und anderer Klassen), sowie die Formen und Themen anhand deren sich das innerhalb einer bestimmten politischen Konjunktur vollzieht. Außer in bestimmten Momenten allgemeiner Politisierung machen nicht alle zur selben Zeit dieselbe politische Erfahrung. Aufgabe für eine klassenorientierte, sozialistische Linke ist, das Allgemeine im Besonderen eines Protestes, einer Bewegung, einer Krise zu erkennen und zu verstärken. Wie kann die Ablehnung von Israels Genozid und seiner Unterstützung durch USA/EU die ideologische Unabhängigkeit gegenüber dem Bürgertum, ein Verständnis von Imperialismus und ein internationalistisches Bewusstsein (statt nationalen/religiösen Spaltungen) in möglichst breiten Teilen der Arbeiter:innenklasse befördern? Wie können die Erfahrungen eines Kampfes um einen besseren KV dahingehend verarbeitet werden, die Wichtigkeit von sozialistischen Basisstrukturen in Betrieben und Gewerkschaft zu erkennen? Wie verbreiten wir das Bewusstsein, dass unmenschliche Politik gegen Geflüchtete und Mindestsicherungsbezieher:innen nur die Kehrseite der Verschärfung von Ausbeutung, Kaputtsparen in der öffentlichen Versorgung und Militarisierung ist? Wie organisieren wir sichtbare Solidarität für Proteste von Kindergartenpädagog:innen, Klimaaktivist:innen oder gegen Faschist:innen, die das gemeinsame Klasseninteresse gegen die herrschende Politik thematisiert?

Das „Allgemeine“ ist also das Interesse der Arbeiter:innenklasse, ihr Potenzial zur politischen Reifung durch eigene Bewegung und Erfahrung. Nur auf dieser Grundlage gibt es einen Raum für sozialistische Politik, die mehr ist als linker Moralismus oder radikale Phrasendrescherei. Politik im Sinne einer strategischen Verbindung zwischen den Krisen unserer Zeit und den tagespolitischen Aufgaben.

Schlagwörter: