Zum Inhalt springen

Teil 2: Was Sind Klassen?

  • von

Teil 1

„Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer andern aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“ (W.I. Lenin)

Bei dieser klassischen Definition steht der statische Aspekt im Mittelpunkt: Eine Gesellschaft, die durch die Beständigkeit bestimmter Verhältnisse zwischen den Menschen gekennzeichnet ist. Für marxistische Politik ist zusätzlich eine Berücksichtigung des dynamischen Aspekts zentral: „Soziale Klasse“ ist mehr als eine Gruppe von Personen mit zentralen, geteilten Merkmalen und mehr als eine soziale Position. Sie ist so etwas wie eine von der ökonomischen Struktur der Gesellschaft geformte historische Schicksalsgemeinschaft: Personen, die sich auf den ersten Blick in ihrer Lebensweise gar nicht ähneln, finden sich im selben „Boot“ wieder. Daraus resultieren gemeinsame Klasseninteressen. Diese bestehen ganz unabhängig davon, ob sich alle Beteiligten dessen bewusst sind.

In einer statischen, strukturellen Analyse schau ich mir an, wie die „Boote“ gebaut sind: wie viele Personen sie enthalten, wie sie von ihnen gesteuert werden können, usw. In einer dynamischen, politischen Analyse schau ich mir an, wohin die „Boote“ tatsächlich treiben, in Abhängigkeit davon, was die meisten (oder wichtigsten) Bootsinsassen in einer bestimmten Situation tun. Soziale Klassen bestehen nicht einfach nebeneinander, wie 1. und 2. Klasse in der Bahn, sondern sie sind per Definition „antagonistisch“, also entgegengesetzt: Es gibt Ausbeuter und Ausgebeutete. Soziale Klassen sind Ausdruck einer gespaltenen Gesellschaft, deren weitere Entwicklung vom Tauziehen zwischen den Klassen (Klassenkampf) abhängt. Angehörige derselben Klasse mögen geschäftlich oder beruflich in Konkurrenz zueinanderstehen und auch den einen oder anderen Interessenkonflikt haben – wenn sie in die Situation geraten, ihr Klasseninteresse zu verfolgen, tun sie dies indem sie die Interessen anderer Klassen neutralisieren.

Das bedeutet zum Beispiel, dass in „friedlichen“ Zeiten die herrschenden Klasse alle anderen Klassen in einem untergeordneten und desorganisierten Zustand hält: Die Beherrschten tun sich schwer durch die herrschende Kultur hindurch sich selbst und ihre Interessen zu erkennen. Ihre klügsten Köpfe steigen auf in den Dienst der Herrschenden. Die meisten anderen verinnerlichen ihre Ausbeutung und Abwertung als persönliche Unzulänglichkeit, geringes Selbstvertrauen, usw.

Die Entwicklungen, gegenüber denen das Durchschnittsmitglied der herrschenden Klasse zielsicher zunächst Geringschätzung, dann Sorge, dann Hass, dann Panik empfindet, sind jene, die dieses Fundament destabilisieren. Wir können aktuell beobachten, wie sich die Krise der imperialistischen Ordnung und die Legitimitätsprobleme unserer Regierungen in der Gefühlswelt der Herrschenden und in der Einengung des Spektrums der akzeptierten Meinungen niederschlagen. Unsere bürgerlichen Medien berichten schulterzuckend über ökologische und humanitäre Katastrophen, sind belustigt bis empört über Bablers Arbeitszeit-Forderungen, zeigen sich betroffen angesichts der Verbrechen befreundeter Regime, sind erschüttert gegenüber den Aktionen gegnerischer Milizen und Regime, mobilisieren gegen Islamismus, triefen vor Verachtung gegenüber Kriegsgegner:innen und Flüchtenden, kultivieren die Angst vor China und Russland, machen sich Sorgen um die Biden-Nachfolge und die Entwicklungen in Frankreich, freuen sich auf eine stabile, kapitalfreundliche Regierung in Großbritannien, usw. usf.

Umgekehrt ist eine aufstrebende soziale Klasse nicht nur in der Lage ihre unmittelbaren ökonomischen Interessen zu verteidigen. Sie entwickelt aus ihrer Erfahrung ein eigenständiges Weltbild. Ihre politischen Organisationen geben neue, im wahrsten Sinne fortschrittliche, Antworten auf die Probleme der herrschenden Ordnung. Sie verleiht diesen mit eigenständigen Bewegungen und Kämpfen Nachdruck. Sie untergräbt ideologische Selbstverständlichkeiten, vertieft die Gräben in den anderen Klassen und bindet dort die fortschrittlichsten Kräfte an ihre Bewegung. Sie lernt Macht auszuüben, bis hin zur Entmachtung der herrschenden Klasse in der politischen Krise. So geschehen beim Aufstieg der heute herrschenden Klasse selbst, dem Bürgertum. So geschehen – mit viel Auf und Abs – bei den europäischen Arbeiter:innenklassen des 20. Jahrhunderts. Die Fähigkeit einer Klasse zur Hegemonie, also zu politischer Führung und gesellschaftlicher Gestaltung, ist möglich, wenn sich zentrale Teile der Klasse in einer gemeinsamen politischen Kultur zusammenfinden und in die strategische Aktivität politischer Organisationen eingebunden sind. Ein Zusammenspiel dieser Art ist das, was man „Arbeiter:innenbewegung“ genannt hat, die immer auch aus verschiedenen politischen Strömungen bestand. Die Einbindung der „Arbeiter:innenbewegung“ in die Sozialpartnerschaft ließen eigenständige Auseinandersetzung mit Politik oder Einigung über Forderungen und Protestformen verlorengehen. Die Spielräume der Sozialpartnerschaft sind derweil ausgereizt – die Arbeiter:innen als Subjekte für Veränderung (noch) nicht sichtbar. Das ist ein Grund, warum die Verbindung linker Politik zu einer „führenden“ aktiven Arbeiter:innenklasse heute keine Selbstverständlichkeit ist; ein anderer, die Umstände beizubehalten, in denen Arbeiter:innen passive Verhandlungsmasse sind. Neu politisierten Generationen sehen sich der Herausforderung gegenüber, ob und wie richtig und notwendig der Bezug zur Arbeiter:innenklasse ist als Machtfaktor bei der Durchsetzung gemeinsamer Interessen.

Teil 3

Schlagwörter: