Gibt es relevante soziale Klassen außerhalb von Bürgertum und Proletariat, zwischen Kapitalbesitzer und „Unselbstständige“? Seit der kapitalistischen Durchdringung Österreichs in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist die grundbesitzende Klasse (Adel) mit dem Bürgertum verschmolzen und von einem eigenständigen Bauernstand ist auch wenig übergeblieben. Das traditionelle Kleinbürgertum in Handel und Gewerbe ist stark geschrumpft und hat seit Luegers Zeiten an politischem Einfluss eingebüßt. Die Prophezeiung im „kommunistischen Manifest“, wonach die ganze Gesellschaft mehr und mehr in zwei Klassen gespaltet ist und jede proletarische Bewegung eine „Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl“ sei, scheint sich erst heute zu verwirklichen, wo doch 90 Prozent der Erwerbstätigen „unselbstständig“ sei. Für manche Linke geht es gar „nur“ noch darum, die „99 Prozent“ von ihrem gemeinsamen Interesse zu überzeugen, die herrschenden Eliten zu entmachten. Ähnlich argumentiert auch der kommunistische Podcaster Fabian Lehr.
Wir denken, dass ein genauerer Blick auf gesellschaftliche Zwischenschichten auch heute für das Verständnis der Politik wichtig ist. Das ist einerseits die Welt der Selbstständigen und kleinen Familienunternehmen; andererseits, die sogenannten „neuen Mittelschichten“, die sich aus formell unselbstständig Beschäftigten in Staat und vor allem Großunternehmen rekrutieren.
In Österreich ist ein im EU-Vergleich geringer Anteil der Erwerbstätigen hauptberuflich „selbstständig“. Inklusive der mithelfenden Angehörigen in Familienbetrieben waren es zuletzt 542.000 Personen. Abgesehen von den rund 100.000 Beschäftigen in Land- und Forstwirtschaft handelt es sich dabei um eine sehr heterogene Gruppe, von Gewerbetreibenden, über Freiberufler:innen bis hin zu Solo-Selbständigen. Gemeinsam ist ihnen die Möglichkeit (oder zumindest der Anspruch) „ihr eigener Chef“ zu sein, weil sie selbst Waren oder Dienstleistungen produzieren oder damit handeln. Im Unterschied zum Kapitalisten können sie die Arbeit dafür nicht zur Gänze an unselbstständige Mitarbeiter:innen abtreten. Sofern sie überhaupt (sich selbst und ihren Mitarbeiter:innen) einen Mehrwert abpressen können, dient es eher der Absicherung des eigenen Lebensstandards und dem Vermögensaufbau als der Akkumulation (Geschäftsexpansion). Die Marx-Formel dafür wäre also: W – G – W. Ich verkaufe Waren (W), damit ich das Geld (G) habe, um die Waren (W) zu kaufen, die ich für ein anständiges Leben brauche.
Nicht nur, weil dieser Lebensstil oft jenem der Bürgerlichen nacheifert und manchmal sogar eine Vorstufe dazu ist, spricht man hier von „Kleinbürgertum“. Diese Lebensweise vermittelt vor allem eine lebendige Bestätigung für das, was die bürgerliche Gesellschaft selbst zu sein glaubt: ein freies Land, in dem man durch Unternehmergeist und tüchtige Arbeit (die eigene, nicht fremde!) zu Eigentum und dadurch zu einem selbstbestimmten Leben kommt. Gerade Österreich hat eine lange Tradition des Schutzes von Kleineigentum: vom Gewerberecht, über förder- und steuerrechtliche Vorteile, bis hin zum geförderten Wohnungseigentum. Die Probleme der „Kleinen und Mittleren Unternehmen“ (KMU) nehmen stets einen überproportionalen Raum in der politischen Debatte im Verhältnis zu ihrem Beitrag zur Wirtschaft und zum Steueraufkommen bei. Man wächst in Österreich in dem Glauben auf, dass kleine Familienbetriebe die wichtigsten Arbeitgeber sind. Die allgemeine Bauchbepinselung der Selbstständigen soll sozialistisches Gedankengut eindämmen. Hinter der Sorge um den „Mittelstand“ steckt die bürgerliche Angst um eine zentrale Säule der Gesellschaft.
Der Kapitalismus selbst untergräbt diese Politik. Stabile Verhältnisse für Kleinunternehmer:innen und Selbstständige gibt es nur in Nischenbereichen, die staatlich reguliert sind (z.B. freie Berufe) und/oder in denen die kapitalistische Konkurrenz (noch) nicht hineinreicht (spezielle Beratungsleistungen oder Produkte). Freilich gibt es zu jeder Zeit Sparten, in denen Kleinunternehmer dominieren – sie wirken dort als Zulieferer oder Auftragnehmer von kapitalistischen Unternehmen oder bedienen bestimmte Konsumbedürfnisse der Bevölkerung. Oftmals sind es zunächst Kleinunternehmer:innen, die neue Ideen auf den Markt bringen und neue Geschäftsfelder erschließen. Je stärker aber Kapital in einen Bereich eindringt, je stärker der Produktivitätsvorsprung kapitalistischer Unternehmen hier preisbestimmend wirkt, umso prekärer wird die Geschäftsgrundlage kleiner Selbstständiger. Diese versuchen ihren Rückstand typischerweise mit überlangen Arbeitszeiten und verschärfter Ausbeutung von Mitarbeiter:innen wettzumachen.
Der stolze Mittelstand ist von Existenzangst geplagt und kann oft nur andere dafür verantwortlich machen: die Steuer, die Gläubiger (Banken), die faulen Arbeitslosen, usw. Wenn diese Verbitterung in Krisenzeiten zu einem Massenphänomen wird, riskieren bürgerliche Parteien Teile ihrer Basis nach rechts zu verlieren. In Österreich waren hier zuletzt die Corona-Demos ein Katalysator, der vor allem der ÖVP zugesetzt hat und die FPÖ auf die Überholspur gebracht hat.
Gegenüber dem Kleinunternehmertum unterscheidet sich die „neue Mittelklasse“ dahingehend, dass sie kein Element neben der kapitalistischen Produktionsweise sind, sondern in ihr. Ihr Kern sind höhergestellte und besser bezahlte Angestellte. Je größer ein Unternehmen, desto stärker ist auch eine Gruppe von mittleren Führungs- und Fachkräften vertreten, die dazu beiträgt, Produktionsprozesse auf der Grundlage von Wissen und Befugnissen zu organisieren, die dem Großteil der Beschäftigten entzogen sind (Planung, Ressourcenzuteilung, Monitoring/Controlling/Überwachung, Berichtslegung, Optimierung, …). Da mit ihren Aufgaben immer auch die aktive Verinnerlichung und Durchsetzung der Notwendigkeiten von Kapitalakkumulation verbunden ist, haben diese technischen und kaufmännischen Angestelltengruppen eine ideologische Voreingenommenheit, die sie von der Masse der Arbeiter:innen und Angestellten abhebt. Ihre Stelle im Unternehmenskader bedingt besondere Arbeitsplatzsicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten im Gegenzug für besondere Loyalität. Ihr (oftmals arbeitszeitmäßig ausufernder) Dienst für die herrschende Klasse wird mit überdurchschnittlichen Gehältern abgegolten (z.B. Leitungszulagen, Boni, usw.).
Unseren Schätzungen zufolge (im Durchschnitt der Branchen und der Kompliziertheit der Arbeit) kann ein unselbstständig Beschäftigter mit durchschnittlichem Qualifikationsgrad, der in einem durchschnittlich produktiven Unternehmen arbeitet und mehr als 6.500 Euro brutto im Monat verdient, kaum Mehrarbeit im politökonomischen Sinne verrichten. Sofern er überhaupt an der Schaffung von Warenwert beteiligt ist, entspricht sein Gehalt ca. dem, was er in seiner Arbeitszeit zur Wertschöpfung der Firma beiträgt. In Österreich verdient rund ein Fünftel der Angestellten (aber weniger als ein Zehntel der Arbeiter:innen) soviel oder mehr. Diese „Überzahlung“ kann ‑ ähnlich wie die des oberen Managements ‑ nur aus dem Mehrwert stammen, der von der Masse der Arbeiter:innenklasse erwirtschaftet wird.
Deswegen sagt man, dass Teile der unselbstständig Beschäftigten an der Ausbeutung der Lohnarbeit teilhaben. Im allgemeinen Bewusstsein stellt sich das natürlich oft anders dar: Der erreichte Lebensstandard wird als Ausdruck von Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und vor allem den erreichten Qualifikationen gesehen. Für die neue Mittelklasse ist der Bildungstitel das, was für das Kleinunternehmertum die eigene Firma ist: Bestätigung von Leistung und Anspruch auf Wohlstand. Dieses Identifikationsangebot ist auch für produktive Fachkräfte und für Angestellte und Arbeiter:innen mit Verantwortungspositionen am unteren Ende der Hierarchie (z.B. Vorarbeiter:innen, Teamleiter:innen) attraktiv.
Im Alltag stellt sich der soziale Raum zwischen dem Bürgertum (Eigentümer:innen, Geschäftsführer:innen) und dem Kern der Arbeiter:innenklasse daher als ein Spektrum „lohnabhängiger Zwischenschichten“ dar, in dem das Weltbild der neuen Mittelklasse bzw. der „Unteroffiziere des Kapitals“ (Marx) dominiert. Diese ist eine weitere „kleinbürgerliche“ Säule der Kapitalherrschaft, weil sie mehr als Identifikation mit dem Kapital bietet. Ihr Verständnis von Vernunft, Bildung und Leistung ist einerseits eine Abgrenzung nach unten (in diesen Kreisen hört man z.B. oft, dass man „bildungsfernen“ Personen das Wahlrecht entziehen sollte), schlägt sich aber auch mit den irrationalen Auswüchsen des Kapitalismus und der besitzenden Klasse. Als untergeordnete Klasse ist die Betroffenheit von Krisenerscheinungen und die Angst vor sozialem Abstieg stets präsent. Ihre ideologische Abhängigkeit – an der auch die persönliche Karriere hängt – setzt kollektiven Kämpfen und einer politischen Kritik aber enge Grenzen. Es herrscht die idealistische Sicht vor, dass die Gesellschaft grundsätzlich nach vernünftigen Vorstellungen organisiert ist und entsprechend verbessert werden kann. Oft sehen die Mittelklassen ihr berufliches oder privates Engagement (gegen Korruption, für Nachhaltigkeit, Diversität, Umverteilung, Nächstenhilfe, usw.) als Teil davon.
Eine weitere zentrale Basis der neue Mittelklasse, in der ihre ideologische Funktion für die gesamte Gesellschaft zum Tragen kommt, sind die administrativen, repressiven und erzieherischen Apparate des Staates (Justiz, Polizei, Schulwesen, Universitäten, …), sowie Kunst, Kultur, Medien, Interessenvertretungen und Parteien. Auch in diesen Bereichen gibt es ein ganzes Spektrum aus Arbeitsbedingungen und Einkommensverhältnissen. Stark ist jedoch der Druck zur ideologischen Anpassung, wenn man Karriere machen will. Trotz der Bemühungen die Ausbeutung mittels Managementmethoden aus der Privatwirtschaft zu steigern, bietet vor allem der öffentliche Dienst eine verhältnismäßig große Basis für abgesicherte und besser gestellte Angestelltenpositionen. Er ist somit tendenziell ein Abzugskanal gegenüber dem kapitalistischen Sektor, mit entgegengesetzter Wirkung zur „industriellen Reservearmee“: Verkleinerung des Reservoirs kapitalistisch ausbeutbarer Arbeitskräfte, Versorgungsbereich für politische treue Klientel, Druck zu höheren Löhnen und Steuern. Im Gegenzug für diese Kosten darf sich das Bürgertum effiziente Staatsapparate und eine loyale Mittelklasse erwarten.
Alte und neue Mittelklassen sind nicht nur gesellschaftliche Zwischenschichten. Sie sind ein Transmissionsriemen bürgerlicher Ideen in die Arbeiter:innenklasse, ohne den kein stabiler Kapitalismus möglich ist. Sie bilden die Masse der Anhänger:innen und Funktionär:innen in den Parteien der bürgerlichen Demokratie. Jede bürgerliche Regierung ist ein Interessenausgleich zwischen den Erfordernissen der Kapitalakkumulation und der Absicherung des „Mittelstands“. Eigenständige Mobilisierungen der Mittelklasse können je nach Zusammensetzung und Kontext fortschrittlich oder reaktionär sein. In klimapolitischen Zusammenhängen und in Protesten gegen Rechts sind zum Beispiel aktuell Ideen und Angehörige der Mittelklassen oft tonangebend. Es sind zugleich zentrale Felder für sozialistische Politik.
Bei eigenständiger Mobilisierung der Arbeiter:innenklasse werden die Bruchstellen zur Mittelklasse im Betrieb und in der Gesellschaft schnell sichtbar: Wer hat gelernt sich kollektiv zu wehren, wer ist dafür zu nahe an der Chefetage? Wer hat – oftmals im Stillen – ihre/seine geistige Eigenständigkeit behalten und wer hat sich kritisches Denken abgewöhnt, um Karriere zu machen? Die Mittelklasse neigt dazu, sich mit dem Bürgertum unter Wahrung ihrer berufsständischen Interessen zu arrangieren und lässt sich auch immer wieder als politischer Gegenpol zur Arbeiter:innenbewegung einsetzen (prominentestes Beispiel ist der Faschismus). Historische Beispiele zeigen aber auch, dass starke Bewegungen der Arbeiter:innenklasse Teile der Mittelklassen für sich gewinnen können, auf der Grundlage dass allgemeine fortschrittliche Interessen (soziale Absicherung, Frieden, Demokratie, …) stark gemacht werden können. Voraussetzung dafür ist eine ideologische und politische Unabhängigkeit und Initiativfähigkeit der Arbeiter:innenklassen gegenüber den widersprüchlichen Tendenzen der Mittelklassen.