Teil des Kräfteverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit ist auch die Masse an Lohnabhängigen, die nicht in der Kapitalvermehrung arbeiten, sondern für Kleinunternehmer:innen. Dies sind ca. 850.000 Beschäftigte in rund 250.000 Unternehmen. Kleinunternehmen sind, wenn es sich gerade nicht um zum Höhenflug ansetzende Start-ups handelt, meistens aufgrund geringer Kapitalmasse und hohem Konkurrenzdruck weniger profitabel als kapitalistische Betriebe. Dies macht ihre Inhaber tendenziell zu rabiaten Gegnern der Arbeiter:innenbewegung. Der Gastronom, der „zusperren kann, wenn die 32-Stunden-Woche kommt“ ist darauf angewiesen, Arbeitskräfte unter ihrem Wert bezahlen zu können; dass der Staat mit Regulierungen und Förderungen KMU bevorzugt und ansonsten nicht so genau hinschaut, was in seinem Betrieb passiert. Die Branchen mit den niedrigsten Verdiensten gehören auch zu jenen, die vom Kleinunternehmertum dominiert sind: Beherbergung/Gastronomie, Kunst/Unterhaltung/Erholung und körpernahe Dienstleistungen (Frisör:innen, Kosmetik, Fußplege, Massage…).

Zur Arbeiter:innenklasse gehört auch eine schwer zu schätzende Zahl an „Scheinselbstständigen“, die einen Teil des von ihnen geschaffenen Werts an Auftraggeber oder Vermittler (z.B. die Plattformen der Gig-Economy) überlassen müssen. Hier sind die Übergänge fließend zu den prekäreren Teilen des Kleinbürgertums: meistens improvisierte Kleinhändler:innen und Dienstleister:innen, deren Einkünfte unterhalb von Arbeiter:innenlöhnen liegen und deren Aktivität eher so etwas wie versteckte Arbeitslosigkeit oder Zuverdienste darstellt.
Wie ist also das Verhältnis zwischen Arbeiter:innenklasse im kapitalistischen Sektor und Arbeiter:innenklasse im „nichtkapitalistischen“[1] Sektor? Im Prinzip handelt es sich um so etwas wie kommunizierende Gefäße. Aus Perspektive des Kapitals stellen große Teile der Beschäftigten außerhalb des kapitalistischen Sektors zusammen mit den Arbeitslosen (zuletzt rund 350.000 Personen) die „industrielle Reservearmee“ dar: Ein Auffangbecken bei Stellenabbau und ein Rekrutierungsbecken wenn die Akkumulation anzieht. Damit sich die Lohnkosten in Grenzen halten und die Belegschaften bescheiden bleiben, müssen in den betreffenden Berufen die Alternativen zur kapitalistischen Ausbeutung möglichst unattraktiv sein. Umgekehrt setzt die Akkumulationsrate und das erkämpfte Lohnniveau im kapitalistischen Sektor der Überausbeutung im Kleinbetrieb gewisse Grenzen. Das Schicksal der KMUs ist auch immer das politische Totschlagargument auf bürgerlicher Seite gegen Arbeitszeitverkürzung und den Ausbau von sozialen Rechten.
Ein bisschen anders stellt sich die Sache bei den Arbeitskräften in staatlichen Unternehmen, im öffentlichen Dienst und im gemeinwirtschaftlichen Sektor dar. In Österreich sind die Löhne und Gehälter in öffentlich kontrollierten Unternehmen branchenübergreifend höher als in Privatunternehmen. Dies mag daran liegen, dass staatliche Unternehmen geringerem Konkurrenzdruck ausgesetzt sind und hier üblicherweise auch ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad besteht. Soweit sie Waren und Dienstleistungen verkaufen und Profite erwirtschaften müssen (also nicht überwiegend über Steuermittel finanziert sind), sind sie Teil des kapitalistischen Sektors.
Ein großer Teil der von öffentlichen Unternehmen angestellten Lohnarbeiter:innen sowie die Angestellten in Bund, Ländern, Gemeinden, Sozialversicherungen oder Kammern schaffen allerdings keine verkäuflichen Waren (und damit keinen Wert!), sondern erbringen Dienste, deren Umfang und Finanzierung (Steuern, Abgaben, Umlagen, Nutzungsgebühren…) politisch bestimmt wird. Bekanntere Positionen sind etwa der Polizeiinspektor, die Volksschullehrerin, die Sachbearbeiterin im Ministerium oder der U-Bahnfahrer. Der Einsparungsdruck auf den öffentlichen Haushalt, die politische Prioritätensetzung und der ungleichmäßige Einsatz von Managementmethoden aus der Privatwirtschaft schlägt sich hier in unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Gehältern nieder. In untergeordneten Positionen kann Mehrarbeit abgepresst werden. Dies umso besser, als die betreffenden Berufsbilder mit vergleichbaren Positionen in der Privatwirtschaft konkurrieren (z.B. Haustechniker:innen, Bürokräfte, Busfahrer:innen, Pädagog:innen).
Drastischer ist die Situation, wo Aufgaben der öffentlichen Versorgung an sozialwirtschaftliche und karitative Organisationen ausgelagert sind. „Private Organisationen ohne Erwerbscharakter“ (auch: NGOs) verzichten meistens nicht nur auf Gewinn, sondern auch auf eine Bezahlung der Arbeitskräfte zu ihrem Wert, um mit den aus Förderungen, Spenden und sonstigen Beiträgen lukrierten Mitteln den maximalen Gebrauchswert für die Gesellschaft rauszuholen (zB: Pflege, Betreuung). Hier handelt es sich tendenziell um eine Unterschichtung der in öffentlichen Diensten tätigen Arbeiter:innenklasse, die vor allem durch staatliche Mangelverwaltung forciert wird.
Was bedeutet es für Teile der Arbeiter:innenklasse nicht in der Kapitalakkumulation involviert zu sein? Im Allgemeinen (mit Ausnahme privilegierter Positionen im Staatsdienst): höhere Ausbeutung, für die u.a. verstärkt Frauen herangezogen werden. Mitarbeiter:innen von Kleinbetrieben sind in besonderem Ausmaß ihren Chefs und dem ideologischen Druck des Kleinbürgertums ausgesetzt. Was andererseits nicht als Ware verkauft werden kann, wird vom Staat als „Versorgungsleistung“ bereitgestellt. Um die „Steuerlast“ einzudämmen und die Profitraten zu schonen, werden von der Staatsbürokratie hier aber ständig Kosten gedrückt.
Die Arbeitskräfte im öffentlichen und sozialen Sektor (inklusive Gesundheitssystem) werden dadurch ständig zerrissen zwischen dem Fürsorgeprinzip ihres Jobs, den fehlenden Mitteln und der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Krise in diesen Bereichen hat in den letzten Jahren nicht nur in Österreich zu wichtigen Kämpfen, u.a. von Pfleger:innen, Pädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, geführt. Die besonderen Bedingungen – u.a. fehlende direkte Machthebel gegenüber dem Bürgertum, wenn Streiks kein direkter Angriff auf Profite – führen tendenziell zu einer politischeren Strategie, als bei vielen anderen gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen. Mit öffentlichen Kampagnen ‑ unter Einbindung von Schüler:innen, Patient:innen, Klient:innen oder Angehörigen – spricht man das breite Interesse (insbesondere der Arbeiter:innenklasse) an öffentlichen Dienstleistungen an, um den Druck für Ausfinanzierung und bessere Arbeitsbedingungen zu erhöhen (nach dem Motto „mehr von uns ist besser für alle“).
„Politisch“ ist so eine Vorgangsweise insofern, als sie die größtmögliche Einheit von unten gegenüber der Politik herrschenden Klasse sucht – auf der Grundlage eines Klasseninteresses, nämlich jenem nach einer solidarisch finanzierten öffentlichen Versorgung. Es kann davon ausgegangen werden, dass in kommenden, größeren Bewegungen der Arbeiter:innenklasse jene Belegschaften, die solche Erfahrungen bereits gemacht haben, eine wichtige Rolle spielen werden. Große Bewegungen reißen immer auch weniger organisierte Teile der Arbeiter:innenklasse mit oder werden sogar von diesen ausgelöst – ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Aufstand der „Gelbwesten“ in Frankreich. Es sind wichtige Erfahrungsmomente, die linker Politik neues Leben einhauchen. Die strategische Herausforderung für eine Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen und für einen Übergang in eine andere Gesellschaft bleibt in welchen politischen Schritten eine Mehrheit der Arbeiter:innenklasse im Zentrum der kapitalistischen Ökonomie eine politische Eigenständigkeit erreichen kann, die auf ihrer Organisationsfähigkeit und auf ihrer wirtschaftlichen Durchsetzungsfähigkeit begründet ist.
[1] Mit „nichtkapitalistisch“ sind Sektoren gemeint, in denen Mehrwert / Profit nicht reinvestiert wird, also keine Akkumulation stattfindet