Kapitalakkumulation kann man sich vorstellen als eine endlose Schleife von verketteten Kreisläufen. Marx‘ Formel dafür ist: G – W … P … W’ – G’: Mit Geld (G) werden Produktionsmittel und Arbeitskräfte zu einem bestimmten Wert (W) gekauft, diese verbinden sich unter Aufsicht des Kapitals zur Produktion (P). Dort schaffen die Arbeitskräfte durch unbezahlte Mehrarbeit eine Menge an materiellen oder immateriellen Waren (W‘), die mehr Wert sind als die gekauften Inputs und sich bei erfolgreichem Absatz in eine vergrößerte Geldsumme (G‘) verwandeln lassen. Was von dem realisierten Mehrwert nach Deckung zusätzlicher Kosten, Steuerzahlungen und den Einkommensansprüchen der Kapitalbesitzer übrig leibt, kann dem Kapital hinzugefügt werden, das nun vergrößert in den nächsten Kreislauf tritt.
Damit das Ganze auf wettbewerbsfähige Art und Weise funktioniert, ist also die kontinuierliche Organisation und Optimierung von Mehrarbeit in der Produktion (P) von Gütern und Dienstleistungen notwendig. Das Kapital setzt hierfür auf technische und organisatorische Innovationen, die die Arbeit produktiver und zugleich intensiver und besser steuerbar machen sollen. Wo immer es geht, sollen Maschinen und Systeme vorgeben, was wann wie zu tun ist. Diese von Marx so genannte „Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ bringt die Trennung zwischen Planung und Durchführung, zwischen ungesunden und sehr ungesunden Tätigkeiten, zwischen „einfachen“ und „komplizierten“ Arbeiten, ständig aufs Neue hervor. Das ist die wichtigste Grundlage für eine Differenzierung der Belegschaften nach Lohn- und Gehaltsgruppen.
In diese Dynamik wurden auch zunehmend „kommerziell-administrative“ Unternehmensfunktionen hineingezogen, die nicht an der Herstellung der Gebrauchswerte (Gütern, Dienstleistungen) beteiligt sind, sondern für den Kapitalkreislauf notwendig sind: Beschaffung und Recruiting (G – W), Vertrieb und Absatzmarketing (W – G), Rechnungswesen und Controlling, Vertragswesen, usw. Was früher die materielle Grundlage eines – auch sozialrechtlich – gegenüber den Arbeiter:innen bevorzugten (Privat-)Angestelltenstands lieferte, wird besonders seit Einführung des Computers rationalisiert. Dies bedeutet für viele Bürojobs: Intensive, fremdbestimmte, durchschnittlich bezahlte Arbeit. Oder auch: Abpressung von Mehrarbeit aus den schulisch bis akademisch gebildeten Teilen der Arbeiter:innenklasse. Dies ist besonders dort der Fall, wo gewisse, für den Kapitalkreislauf notwendige Tätigkeiten selbst von spezialisierten Kapitalen erschlossen werden: Handel, Bank- und Versicherungswesen und eine Vielzahl unternehmensbezogener Dienstleistungen (Wirtschaftsprüfer, Anwaltskanzleien, Steuerberatung, Lohnverrechnung, IT-Dienstleistungen, usw.).
Lohnunterschiede innerhalb der Arbeiter:innenklasse gibt es aus verschiedenen Gründen; zum Beispiel zwischen verschiedenen Berufen, die mit ihrem höheren oder niedrigeren Qualifikationsgrad zu tun haben oder mit momentaner Verfügbarkeit am Arbeitsmarkt. Es gibt aber auch Unterschiede je nachdem, für welches Kapital man arbeitet. Kapitale mit Produktivitätsvorsprung verkraften die Personalkosten besser als jene, die – z.B. wegen veralteter Verfahren, fehlender Investitionen, usw. – den durchschnittlichen Verwertungsbedingungen hinterherhinken. Das Ganze hat auch eine branchenspezifische Dimension. Deswegen sind die Löhne in hochtechnologischen Industrien höher als etwa in der eher unterindustrialisierten und daher „arbeitsintensiven“ Baubranche, sowie im Dienstleistungsbereich. Gerade in produktivitätsmäßig schwächeren Bereichen wird gerne nach einem Konkurrenzvorteil durch Verringerung der Lohnkosten gesucht. Das bedeutet im Handel zum Beispiel: Verstärkter Rückgriff auf Teilzeitbeschäftigung, um „Zuverdienerinnen“ (Frauen mit Betreuungspflichten) im Arbeitsprozess einzusetzen. Am Bau dagegen helfen gering entlohnte ausländische Arbeiter in Subunternehmen, die saisonalen Auftragsspitzen abzufedern.
Diese Beispiele veranschaulichen auch, dass das Kapital die Segmentierung des Arbeitsmarktes und der Arbeitspositionen verfestigen kann, die auf Grund der Unterschiede innerhalb der Arbeiter:innenklasse in Bezug auf Geschlechterrollen, Nationalität, usw. entstehen. Entscheidend für die Verwertung eines Kapitals ist, dass die Entlohnung aller von ihm beschäftigten Berufsgruppen gedrückt wird und das Maximum an Arbeitszeit (Mehrarbeit) rausgeholt wird. Dazu dient nicht zuletzt die Konkurrenz zwischen Arbeitskräften, der Druck auf die Löhne durch niedrig bezahlte Positionen und der Terror gegen Arbeitslose. Entscheidend für die Lebensqualität der Arbeiter:innenklasse ist das Gegenteil: ein einheitliches Minimum an Lohn, Sozialversicherung (einschließlich Pensionen und Arbeitslosenunterstützung!), Freizeit/Urlaub, Gesundheits- und Kündigungsschutz. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Günstigere Regelungen für qualifiziertere und erfahrenere Kolleg:innen sind immer nur relative Verbesserungen zum durchschnittlichen Ausbeutungsniveau. Für dieses Niveau gibt es kein rein ökonomisches Gesetz. Es ist auch davon abhängig, wie gut Gewerkschaften und Arbeiter:innenparteien dieses Klasseninteresse durchsetzen. Und was davon vorübergehend auf rechtlicher Ebene verankert, untergraben oder abgebaut wird: von den KV-Abschlüssen im Verhältnis zur Teuerung, über die gesetzliche Maximalarbeitszeit, über die Verwaltung der Krankenkassen, bis hin zur Beibehaltung oder Streichung gesetzlicher Feiertage.