Kapitalistischer Gesellschaften beruhen auf der kontinuierlichen Verwertung und Vermehrung von Kapital. Grundlage dafür ist die Produktion von Mehrwert in kapitalistisch organisierten Arbeitsprozessen und seine Realisation durch Marktprozesse („Zirkulation“). Das Bürgertum ist jene Klasse, die von der Aneignung und Verteilung des Mehrwerts lebt: Kapitalbesitzer:innen, aber auch die Führungskräfte in Unternehmen und im „Gesamtkapitalist“ Staat.
Mehrwert gibt es nur, wenn genug Menschen verfügbar sind, die ihre Arbeitskraft in kapitalistischen Unternehmen zur Herstellung von Gütern und Dienstleistungen zur Verfügung stellen – und dabei mehr Wert schaffen, als sie – meistens in Form von Löhnen – gezahlt bekommen. Die Top 250 der österreichischen Unternehmen – von der OMV bis Austria Email AG – beschäftigten im vergangenen Jahr weltweit 974.220 Mitarbeiter:innen, die ihnen insgesamt 331,4 Milliarden Euro Umsatz brachten. Das sind im Durchschnitt ca. 3.900 Beschäftigte pro Unternehmen und 340.000 Euro Umsatz pro Mitarbeiter:in.

Setzt man außerhalb der Landwirtschaft die Grenze zwischen Kleingewerbe und kapitalistischer Wirtschaft bei einer Unternehmensgröße von 20 Beschäftigten, dann reden wir in Österreich von rund 22.000 kapitalistischen Unternehmen. Das ist bereits eine sehr großzügige Definition, die sicherlich viele unrentable Kleinkapitale einschließt. Und trotzdem handelt es sich um weniger als 4 Prozent der marktwirtschaftlichen Unternehmen. Diese sind allerdings für 80 Prozent des in Österreich gehandelten Warenwerts zuständig. Hier arbeiten 2,3 Millionen unselbstständig Beschäftigte; das ist ca. die Hälfte aller (rund 4,4 Mio.) Erwerbstätigen in Österreich. Die meisten von ihnen – 1,3 Millionen – sind in knapp 1.500 Großunternehmen (250 und mehr Beschäftigte) aktiv.
Zu rekonstruieren, wie der Mehrwert im kapitalistischen Sektor zirkuliert, wie die Unternehmensprofite verschiedenen Kapitalist:innenfamilien im In- und Ausland zugutekommen und welche Interessensunterschiede sich zwischen ihnen, je nach Kapitalstärke und -ausrichtung ergeben, ist ein eigenes Thema. Zum Profil der bürgerlichen Klasse seien hier nur zweierlei Dinge angemerkt.
Ein Teil der Kapitalist:innen sind Angestellte ihrer eigenen Unternehmen (meistens in Leitungspositionen). Überhaupt sind Geschäftsführer:innen und Manager:innen, die an der Unternehmensspitze für Verwertung und Profitmaximierung verantwortlich sind, Teil der bürgerlichen Klasse. Ihre Gehälter und Spesen sind ein – manchmal auf die Unternehmenssubstanz gehender – Abzugskanal von erwirtschaftetem Mehrwert. Sie stellen ca. 6 Prozent der Belegschaften in kapitalistischen Unternehmen dar.
Ein weiterer Teil der bürgerlichen Klasse sind die „Staatsmanager:innen“, die über Elitenetzwerke und -schmieden an die (größtenteils nicht wählbaren) Spitzen der Staatsbürokratie gelangen. Die personell-familiären Verflechtungen mit den Kapitalbesitzer:innen sind nur ein Aspekt, der den bürgerlichen Charakter eines Staates wie der Republik Österreich gewährleistet. Ein weiterer ist, dass der Staatshaushalt, also seine materielle Basis, über das Steuersystem direkt von der Kapitalakkumulation und der daraus resultierenden Kaufkraft in der Bevölkerung abhängt. Diverse kapitalistische Unternehmen sind zudem teilweise oder zur Gänze in Besitz von Bund, Ländern oder Gemeinden. Da zählen Großunternehmen dazu wie OMV, Verbund, Wiener Stadtwerke, Asfinag oder ÖBB.