Zum Inhalt springen

Teil 1: Arbeiter:innenklasse – Der Gegenpol zum Kapital

Intro

Laut einer aktuellen Studie fühlt sich die Hälfte der bundesdeutschen Erwerbstätigen der Arbeiter:innenklasse zugehörig. Das ist eines von vielen Anzeichen eines schlummernden Potenzials: Die Möglichkeit, dass eine Mehrheit „von unten“ ihre gemeinsamen Interessen erkennt und eine andere Richtung in Wirtschaft und Politik einfordert. Es ist eine der größten Sorgen von Regierungspolitiker:innen. In ihrem Tanz auf dem Krisen-Vulkan setzen sie daher ihr ideologisches Instrumentarium zunehmend auch gegen die Linke ein (von der Bezichtigung des Populismus, über die Verunglimpfung von Kriegsgegner:innen als Spielsteine ausländischer Interessen, bis hin zur ungenierten Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs).

Für eine Linke, die Mehrheit werden will, ist gestern wie heute die Arbeiter:innenklasse von zentraler Bedeutung. Oder anders formuliert: Damit die Arbeiter:innenklasse Motor von gesellschaftlichem Fortschritt sein kann, muss sie ihre Interessen und ihre kollektive Stärke in linker Organisierung und Politik wiederfinden und erkennen. Das bedeutet spiegelbildlich, dass auch jede linke Kraft „etwas“ Bestimmtes wiederzufinden und zu erkennen versucht: Der heute wohl wichtigste Unterscheidungsfaktor einer linken Organisation ist, welches Verständnis von Arbeiter:innenklasse sie – bewusst oder unbewusst –  in sich trägt. Denn das ist der Punkt, an dem sie festlegt, wie Theorie und Praxis, Prinzipien und Realität, Analyse und Programm, Hoffen und Tun, Richtung und Bewegung gekoppelt werden. Wichtiger als die (Selbst-)Bezeichnungen „reformistisch“/„revolutionär“ oder „sozialistisch“/„kommunistisch“ ist die Frage: „Was ist für dich die Arbeiter:innenklasse und welche Rolle kommt ihr in der Überwindung des Katastrophen-Kapitalismus zu?“.

Politikstrateg:innen dagegen orientieren sich am Wähler:innenpotential, das man mit entsprechendem Auftritt und den richtigen Themensetzungen abholen muss, um bei Wahlen zu punkten. Nur eines dieser Milieus sind „Arbeiter:innen“, die im Alltagsverständnis im Sinne von „Hackler:innen“, also Menschen in manuellen Industrie- und Handwerksberufen verstanden werden. Auch Ex-Marxist Babler ist sich bewusst, dass die Figur des Semperit-Arbeiters dem Gesicht und den Bestrebungen der heutigen Arbeiter:innenklasse nicht ganz gerecht wird. So greift er oft die Arbeitsbedingungen von Pfleger:innen auf, um seine allgemeine politische Stoßrichtung zu veranschaulichen.

Auffällig ist vor allem das Verschwinden des Begriffs „Klasse“ aus dem Polit-Betrieb. Bei politischen Kräften, die eine Vielfalt an Milieus in ihr Wähler:innenbecken integrieren wollen, bieten „breite Mittelschicht“, „unsere Leut‘“, „einfache Leute“ oder andere Bezeichnungen übergreifende Identifikationsangebote, die mit herrschenden Ideen besser vereinbar sind. Auch Gewerkschaftsfunktionär:innen, die sich – meist über den sozialpartnerschaftlichen Weg – um die Interessen einzelner Beschäftigtenkategorien im Hier und Jetzt kümmern, brauchen keinen „spalterischen“ Klassenbegriff. Vertreter:innen einer Politik der linken Werte (gutes Leben für alle, gegen Ausbeutung und Diskriminierung, usw.) stellen sich wiederum meistens nicht die Frage, ob eine Vielfalt an Identitäten und Benachteiligungssituationen auf so etwas wie einer gemeinsamen Grundlage in Bewegung kommen kann. Dass jene, die sich heute der „Arbeiter:innenklasse“ zugehörig fühlen, in dieser Zugehörigkeit auch einen Weg erkennen, um die Welt zu verändern, dem legt also bereits der tägliche politische und gewerkschaftliche Betrieb allerhand ideologische Hindernisse in den Weg. Eine sichtbare, klassenorientierte Linke ist unersetzbar.

Tatsächlich hat der Klassenbegriff vor allem dann einen Sinn, wenn wir den Blick vom nächsten Wahlkampf, der nächsten Kampagne oder dem nächsten Gremium kurz aufs Grundsätzliche richten: Wie leiten wir politische Strategien aus den Widersprüchen und Krisen unserer Gesellschaft ab? Kritik des Kapitalismus hat nur einen Sinn als Begreifen seiner Veränderbarkeit und Überwindbarkeit (alles andere ist radikal-schicke Pose). Klassenanalyse ist immer schon hier verortet. Ihr Ausgangspunkt ist die kapitalistische Dynamik, die unseren Planeten im Griff hat, aber zugleich auch über sich selbst hinausweist.

Der Gegenpol zum Kapital

Ganz allgemein gesprochen, ist die Arbeiter:innenklasse die vom Kapitalismus gegen sich selbst heraufbeschworene Macht:

  1. Sie produziert den Mehrwert, auf dem die Kapitalakkumulation beruht. Kapital kann nicht existieren, wenn es sich nicht ständig Arbeit einverleibt, Arbeitsbedingungen diktiert und sich Arbeitsleistungen aneignet, um zu wachsen. Und zwar schon längst nicht nur die Arbeit von „Hackler:innen“, sondern auch von einem Großteil der Angestellten. Deswegen ist der Streik, also die Unterbrechung der Kapitalvermehrung, so ein effektives Druckmittel.
  2. Sie steht auf einer höheren Kulturstufe als alle früheren ausgebeuteten Klassen (Lesen, Schreiben, Computerkenntnisse, soziale Kompetenz, …), weil sie dem Kapital durch ihre Mobilität, Spezialisierung und Anpassungsfähigkeit nützlich ist. Und weil sie ihren Lohn und freie Zeit bis zu einem gewissen Grad zur eigenen Bildung nutzen kann.
  3. Sie ist als „Belegschaft“ räumlich konzentriert und vor allem zur Kooperation erzogen. Die kapitalistische Produktion lebt von der Kombination unterschiedlicher Fähigkeiten; ein Zurück zur vereinzelten Produzent:innen ist nicht möglich. Darüber hinaus sind Belegschaften meistens durch Lieferbeziehungen und Kooperationsvereinbarungen untereinander verbunden, sowie in industriellen Zentren/Clustern konzentriert. Dadurch hat sie das Potential, die Produktion auch ohne Kapitalist:innen zu organisieren.
  4. Sie muss Konkurrenz und Spaltungen überwinden und als Kollektiv – also gemeinschaftlich – kämpfen, um die eigenen Lebensverhältnisse gegenüber dem Profitdruck (Arbeitshetze, schlechte Bezahlung, mangelnde Ressourcen, Überwachung, Kündigungen…) zu verteidigen und zu verbessern. Neben dem täglichen Kleinkrieg in den Betrieben, der sich meist unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung abspielt, schafft sie sich in ihrer Entwicklung zur „Klasse für sich“ beständige Formen von Organisation (Gewerkschaften, Parteien, Vereine). Diese bilden ein mächtiges Gegenstück zum bürgerlichen Individualismus und zum Weltbild allseitiger Marktkonkurrenz. In übergreifenden Mobilisierungen – zu Kollektivverträgen, Pensionen, aber auch Themen wie Demokratie, Krieg oder Rassismus – kann sich die Arbeiter:innenklasse manchmal mit ihrem ganzen Gewicht in die politische Waagschale werfen und zu einem zentralen Machtfaktor werden.

Diese vier Punkte liefern das „Schema“ für die Arbeiter:innenklasse als revolutionäres Subjekt: Fähigkeit den Kapitalismus zu überwinden und eine andere Gesellschaft aufzubauen. Die vier Punkte erklären vor allem die tatsächlichen, großen Bewegungen und auch Errungenschaften der Arbeiter:innenklassen verschiedenster Länder in den letzten 150 Jahren. Um allerdings zu erklären, wie in einer konkreten Situation Arbeiter:innen zum politischen Akteur der Stunde wurden oder nicht, oder warum bestimmte Versuche den Kapitalismus zu überwinden, scheiterten – dafür muss man den Übergang von der strukturellen (politökonomischen) Analyse zur historisch-politischen Analyse machen. Nach den ökonomischen Grundaussagen kommen die politischen ABERS.

Wir wollen aber vorerst noch bei der strukturellen Analyse bleiben und diese verfeinern. Für heutige Debatten um Antikapitalismus und sozialistische Strategie stellen sich nämlich folgende Fragen: Ist die Arbeiter:innenklasse heute (noch) eine Mehrheit? Ist sie heute nicht viel zu heterogen und hoffnungslos gespalten, um handlungsfähig zu sein? Was ist mit Berufsgruppen, auf die eines oder mehrere der obigen 4 Kriterien nicht zutrifft? Welche Rolle spielen andere Gesellschaftsklassen? In den folgenden Teilen dieser Artikelserie werden wir noch einmal von der Kapitalanalyse und aktuellen Daten für Österreich ausgehen, um ein genaueres Bild der im heutigen Kapitalismus vorfindbaren Klassen, ihres Verhältnisses zueinander und ihrer inneren Differenzierungen zu bekommen.

Teil 2

Schlagwörter: